02.09.2015 13:58:00

Zwist um Grazer Fernwärmeversorgung: Studie und Kritik

Eine Studie des Umweltbundesamts im Auftrag des Verbunds wirbelt einigen Staub in der Grazer Energiewirtschaft auf: Den Autoren zufolge könnte die Emissionsbelastung mit dem Ausbau des Kraftwerks in der Puchstraße um ein Vielfaches ansteigen, wenn dieses als sogenannte Grundlastanlage betrieben wird und auf die Versorgung aus dem Verbund-Kraftwerk in Mellach (Bezirk Graz-Umgebung) verzichtet wird.

Seitens der Energie Steiermark - mit welcher der Verbund seit Monaten in juristischem Streit ist - hieß es, dass mehr als 30 Umwelt- und Energieexperten unter Vorsitz des Grazer Umweltamtsleiters Werner Prutsch das im Jänner vorgestellte Konzept ohne Versorgung aus Mellach erarbeitetet haben: Ihnen zufolge könnten mit dem Verzicht auf die Fernwärme aus dem Kohlekraftwerk Mellach bis zu 90 Prozent der Schadstoff-Emissionen eingespart werden, denn das Verbund-Kraftwerk produziere etwa acht Mal soviel Ausstoß als für die Wärmeversorgung in Graz eigentlich nötig ist.

"Das Verbrennen von Kohle in einem Luftsanierungsgebiet ist kein Zukunftskonzept und wird mit Recht von Umweltschutzorganisationen kritisiert. Zurzeit werden vom Verbund jährlich 600 Tonnen Stickoxide in Mellach in die Luft geblasen. Nur elf Kilometer von der Stadtgrenze entfernt. Ökotipps von einem Betreiber, der täglich Kohle verheizt, sind sicher zu hinterfragen", hieß es am Mittwoch seitens der Energie Steiermark als Reaktion auf Medienberichte über die vom Verbund eingeholte Studie.

Die Umweltschutzorganisation Global 2000 betonte in ihrer Reaktion zwar, dass laut der Studie die Stickoxidemissionen um den Faktor 16 im bereits belasteten Stadtgebiet von Graz ansteigen könnten. Dafür laufe in Mellach ein Kohlekraftwerk, dessen Abschaltung die Organisation schon mehrfach gefordert habe. Die Kohleverbrennung führe "zu hohen gesundheitlichen Folgekosten". Global 2000 hoffe auf eine "Strategische Umweltprüfung" (SUP).

Seitens der steirischen Grünen hagelte es Kritik an der Landesregierung, die den schon mehrfach öffentlich ausgetragenen Disput zwischen den Energieversorgern nicht schlichten könne: "Die politischen Verantwortlichen haben so getan, als ginge sie das alles nichts an", sagte Stadträtin Lisa Rücker. Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) dagegen sehe in dem Streit der mehrheitlich in öffentlicher Hand befindlichen Unternehmen eine "peinliche, leider zeitgeistige Posse". Die Beteiligten sollten sich an einen Tisch setzen.

Die Energie Steiermark reichte in ihrer Stellungnahme dem Verbund die Hand: "Die Tür für eine Wärmelieferung durch den Verbund ab 2020 ist weiterhin offen, wenn der Preis marktkonform ist." Bisher seien aber keine Angebote eingelangt, im Gegenteil, es sei nur die Schließung des Gaskraftwerks über Medien verkündet worden, meinte Energie Steiermark-Sprecher Urs Harnik-Lauris zur APA.

Im Jänner hatte der steirische Landesenergieversorger seine Fernwärmeversorgungspläne ab 2020 vorgestellt. Das Konzept sieht einen Verzicht auf die vom Verbund bereitgestellte Energie aus dem Kohlekraftwerk Mellach vor. Mehr als 60 Mio. Euro sollen stattdessen in die Aufrüstung von Kraftwerken der Energie Steiermark sowie verstärkte Nutzung von Industrieabwärme, Solarflächen, Biomasse und Deponiegas fließen.

Hintergrund des autarken Grazer Konzepts ist u.a. eine juristische Auseinandersetzung der Energie Steiermark AG mit der Verbundgesellschaft. Es gibt einen Vertrag zur Lieferung von Fernwärme bis 2020. Der Verbund wollte 2014 das wegen der hohen Gaspreise derzeit unrentable Gaskraftwerk Mellach stilllegen, die Energie Steiermark erwirkte eine einstweilige Verfügung: Sie verpflichtet die Verbund Thermal Power dazu, in der Heizsaison 2014/15 zusätzlich zum Steinkohle-Kraftwerk Mellach ein weiteres Kraftwerk als Ausfalls-Reserve betriebsbereit zu halten, um die Fernwärme-Versorgung des Großraumes Graz nicht zu gefährden. Der Verbund beeinspruchte die einstweilige Verfügung. Eine Entscheidung wird für die kommenden Wochen erwartet.

(Schluss) kor/ha/sp

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